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Das Leben als Muslima in Deutschland - Interview

allerweltshaus_koeln_koernerstrasseInterview mit der Sozialpädagogin und Mitarbeiterin, Heba Elias-Ben Fradj, im Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. (BFmF), einem 1996 gegründeten und preisgekrönten multikulturellen Selbsthilfeverein.
von Karim Khayal und Alexandra Duncan - Allerweltshaus Köln

Könnten Sie uns etwas über ihre Herkunft und ihr Leben als Muslima in Deutschland erzählen?
Ich bin vor 32 Jahren in Deutschland geboren. Meine Eltern sind sowohl Ägyptisch als auch Libysch. Sie sind Anfang der 60er Jahre nach Deutschland gezogen. Ich bin relativ religiös erzogen worden und mir wurde überlassen, ob ich das Kopftuch anziehe oder nicht. Ich habe mich dann selber entschieden das Kopftuch zu tragen. So kann ich sagen, dass meine Erziehung doch religiös war.

Wie waren die Reaktionen der Menschen auf Ihr Kopftuch?
Ich habe mich mit etwa vierzehn Jahren entschieden, das Kopftuch zu tragen, damals war ich in der siebten Klasse. Anfangs hatte ich etwas Angst vor der Reaktion meiner Mitschüler. Die Schüler haben dann eigentlich keine Probleme gemacht, nur einige haben ein paar Fragen gestellt. Es waren meine Lehrer, die dann ein Problem gemacht haben. Ich musste, bis die Situation geklärt war, das Kopftuch ausziehen. Danach kam mein Vater in die Schule und fragte mich, ob ich denn das Kopftuch weiterhin tragen wollte. Ich habe gesagt, dass ich auf jeden Fall das Kopftuch weiterhin tragen werde. Dann gab es ein Gespräch. Leitung, Vertretung und Schülerrat waren beim Gespräch anwesend. Ich persönlich war nicht dabei.
Es gab eine Diskussion über Klassenfahrten und über Schwimmunterricht. Mein Vater meinte, dass ich auch anderswo schwimmen lernen könnte. Doch sie sahen dies nicht ein. Ihre Furcht war, dass andere Mädchen durch mein Vorbild auch das Kopftuch tragen würden. Mein Vater antwortete ihnen, dass er zum Gericht gehen würde, falls seine Tochter das Kopftuch nicht tragen dürfe. Daraufhin willigten sie ein. Ich war mit meiner Schwester die einzige, die das Kopftuch tragen durfte. Kein anderes Mädchen an der Schule trug eins.
Doch ich muss sagen, dass die Lehrer danach ganz nett waren. Ich habe nicht gespürt, dass sie mich benachteiligten. In Bielefeld, wo ich herkomme, war das Kopftuch damals auch nicht so sichtbar wie heute.

Gab es auch Probleme in der Arbeitswelt?
Ich habe mein Abitur gemacht und habe direkt danach studiert. Dann habe ich mich für ein Praktikum beworben und dachte, dass es eigentlich in diesem Bereich wenig problematisch sein dürfte. Ich habe dann doch mehr Probleme gekriegt als ich anfangs dachte. Bei städtischen Einrichtungen musste man seine Religion angeben und dies war dann doch ein Problem. Schließlich habe ich doch ein Praktikum für mein Anerkennungsjahr bekommen, mit der Begründung, dass dies dem Zweck der Ausbildung und des Studiums diene. Doch mir wurde gesagt, dass es dazu nicht gekommen wäre, wenn ich mich wegen einer Festanstellung beworben hätte. Es sei egal, wie gut ich in der Arbeit sei, denn ich trüge ja ein Kopftuch. Ich hatte auch andere Vorstellungsgespräche, bei denen mir offen gesagt wurde, dass ich wegen des Kopftuchs nicht genommen würde. Zum Beispiel hatte ich ein Gespräch in einer Gesamtschule als Sozialarbeiterin und auch als Vorpraktikantin für ein Anerkennungsjahr. Ich erinnere mich eine Stunde lang ein Vorstellungsgespräch gehabt zu haben, in dem es nur um das Kopftuch ging. Auch bei anderen Gesprächen wurde mir nahe gelegt, das Kopftuch etwa wegen der Reaktionen der Eltern abzulegen, obwohl mir zugestanden wurde, kompetent genug für den Job zu sein.


Gab es auch nähere Begründungen?
Für einige Stellen war das Tragen des Kopftuchs nicht neutral genug. Ich muss dazu sagen, dass all dies vor dem 11. September war. Viele Freunde von mir trugen das Kopftuch und haben leicht ein Praktikum gefunden. Aber nach dem 11. September hat sich das geändert.

Was ist Ihre Meinung über die Behandlung der Muslime in der deutschen Presse, etwa im Spiegel?
Ich muss ehrlich sagen, ich mag es nicht und es macht mich traurig. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich es nicht mehr lesen kann. Früher habe ich viel den Dialog gesucht, etwa in Arbeitskreisen, und versucht, die Menschen zum Dialog zu bringen. Man geht dorthin und erzählt viel und die Menschen sagen dann „Ja“ und „Aha“, und später kommt dann im Spiegel eine Überschrift, die einen wieder ernüchtert. Ich redete zum Beispiel einmal über das Kopftuch und was ich sagte, wurde ganz anders wiedergegeben. In diesen Situationen habe ich keine Lust mehr. Man ist wie ein Stehaufmännchen, man steht auf und fällt und steht wieder auf. Es ist ein Ohnmachtsgefühl. Manche geben auf, andere Schwestern kämpfen weiter. Dies ist ja gerade, was wir hier im Zentrum zu erreichen versuchen: eine kulturelle Öffnung. Etwa im Dialog mit Ämtern, mit der Polizei, mit Schulen und mit Lehrern.
Wir wollen zeigen, was es heißt, Muslima zu sein. Dies ist nicht das, was man in den Medien sieht oder etwa in der Zeitung liest. Dies ist nicht die Realität. Wenn die Menschen also hier eine Fortbildung machen, sehen sie, dass wir ganz anders sind als sie dachten.

begegnungs_und_fortbildungszentrum_muslimischer_frauenKönnten Sie uns erzählen, was genau sie zu der Arbeit in diesem Integrationszentrum führte?
Ich bin ja wie gesagt aus Bielefeld. Bielefeld ist nicht so groß wie Köln und ich habe mich nach dem Studium zunächst in der näheren Umgebung beworben. Dann habe ich mich auch bundesweit beworben. In Köln habe ich mich an dieser Einrichtung beworben und das mit meiner Arbeit hier hat sich also so ergeben, unter anderem wegen der Probleme mit dem Kopftuch. Ich habe auch gedacht, wenn ich später woanders arbeiten würde, könnte ich sagen, dass es in dieser Berufsrichtung etwas völlig Normales ist, dass eine Frau mit Kopftuch arbeitet. Die Arbeit hier ist auch eine Aufklärungsarbeit, man hat viel mit der Politik, verschiedenen Kreisen und anderen sozialen Einrichtungen zu tun. Es besteht ja auch gerade in dieser Richtung noch viel Bedarf, und dass dieser in anderen Einrichtungen, die gerade auch mit Migranten zu tun haben, nicht gedeckt wird, finde ich eigentlich schade.

Wie empfinden Sie persönlich die Arbeit mit den Migranten, also Menschen mit verschiedenen Sprachen und aus unterschiedlichen Teilen der Erde?
Durch diese Arbeit lernt man unwahrscheinlich viel, da man sonst ja eher mit seinem eigenen engen Kreis zu tun hat. Es gibt hier zum Beispiel Menschen aus China, aus Belgien, aus Nordafrika, aus Ghana und dem Kongo. Es sind wirklich unwahrscheinlich viele Kulturen und Sprachen. Die Probleme sind natürlich auch unterschiedlich. Wenn man in der Beratung arbeitet, erkennt man die unterschiedlichen Erziehungsmethoden. Es sind auch ganz banale Unterschiede, wie zum Beispiel Begrüßung und Verabschiedung. Es gibt unterschiedliche Ansichten. Wenn man also in die Frauencafes geht und sich unterhält, merkt man das sehr stark. Ich war schon relativ weltoffen vorher, aber diese Arbeit hat meine Weltoffenheit noch erweitert. Unsere Mottos sind ja Begegnung, Förderung und Bildung.

Was ist Ihre Meinung zur allgemeinen Lage der Muslime in Europa, etwa zum Streit um das Kopftuch?
Ich bin schon traurig über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Deutschland. Für mich ist das eher ein Rückschritt als ein Fortschritt. Es zeigt mir, dass die Politik und die Menschen in den führenden Positionen wenig Ahnung haben. Dinge zu verbieten oder zu unterdrücken, ohne dass man sich damit auseinandersetzt, finde ich schade. Die Lage ist also nicht sehr prickelnd. Das BFmF ist im Kampf gegen diese Verständigungsprobleme eigentlich ein Modellsystem. Wir hatten schon Besuch von vielen hochrangigen Menschen und Politikern, die alle der Meinung waren, dass das Zentrum ein Paradebeispiel für Integration ist. Das Verständnis, dass man ein solches gut funktionierendes Projekt in anderen Städten oder Regionen Deutschlands ausprobieren könnte, ist aber leider nicht da. Wir können viel arbeiten, aber es wäre leichter, wenn die Politik selber Initiative zeigt. Dies ist das einzige Projekt seiner Art in ganz Deutschland.

In ganz Deutschland?
Ja, in ganz Deutschland. Klar, es gibt Moscheegemeinden und Vereine, aber so eine große Einrichtung mit so vielen Angeboten zur Integration ist uns nicht bekannt. Es kommen auch viele Menschen aus Deutschland, um sich die Einrichtungen hier anzuschauen. Auch um zu lernen, wie wir die Sachen hier leiten und wie es funktioniert.

Gibt es auch Kritiker?
Also, das habe ich noch nicht wirklich mitbekommen. Sicher gibt es Menschen, die uns feindlich gegenüber stehen. Aber meistens bekommen wir Lob. Auch Menschen, die Vorbehalte haben, ändern meistens ihre Meinung, wenn sie die Einrichtung sehen.

Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, damit sich Deutschland mit dem Islam versöhnt?
Kommunikation. Miteinander reden.

Weitere Informationen:

Interview in PDF: Das Leben als Muslima in Deutschland

Erinnern und Handeln für die Menschenrechte, ein Projekt des Allerweltshaus Köln e.V. - Körnerstraße 77-79, Köln-Ehrenfeld

www.menschenrechte-koeln.de

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